In jedem von uns sitzt eine Stimme, die sich benimmt wie ein schlecht gelaunter Regisseur: dauernd Anweisungen, dauernd Unzufriedenheit mit der Aufführung. Kaum hast du dich zusammengerissen, Disziplin geübt, bist früher aufgestanden, hast weniger getrunken, meldet sie sich schon wieder und fragt, ob das alles gewesen sein soll. Und wenn du ihrer Kehrseite folgst, die Nacht durchtanzt, laut lachst, Grenzen testest, verzieht sie ebenfalls das Gesicht. „Mehr“, zischt es dann, oder „anders“, oder einfach nur ein gedehntes „Hm“.
Wir kommen ihr nicht bei. Je williger wir sind, desto fordernder wird sie.
Ihre Kraft – da ist etwas, das nicht hinausdarf, sich deshalb nach innen krümmt wie Rauch in einem geschlossenen Raum. Aus diesem Rückstau speist sich, was uns einflüstert, es sei noch nicht genug. Nicht diszipliniert genug, nicht radikal genug, nicht lustvoll genug, nicht rein genug. Es hält einen in einer Art Dauerprovisorium: immer kurz vor der richtigen Version seiner selbst, die dann doch wieder verschoben wird.
Politisch lässt sich mit dieser Stimme einiges anfangen. In einem Milieu wird sie zum Motor der Enthemmung. Dort gilt Zurückhaltung als Schwäche, und wer zögert, hat schon verloren. Die innere Instanz, drängt nörgelnd auf Freigang, bejubelt Grenzüberschreitung, Regelbruch und adelt Aggression als Authentizität. Gemeinschaft entsteht hier nicht durch offizielle Regeln, sondern durch das, was man gemeinsam verschweigt. „Du weißt schon“, sagt einer. Der andere nickt. Mehr braucht es nicht. Man tut Dinge, von denen man weiß, dass sie im hellen Licht nicht bestehen würden. Gerade dieses Wissen schweißt zusammen. Die Führungsfiguren in solchen Zusammenhängen wirken befreiend, weil sie Hemmungen außer Kraft setzen. Sie sagen gewissermaßen: Lass laufen. Und viele atmen auf, als hätten sie zu lange die Luft angehalten. Das Band, das hier hält, heißt nicht Moral. Es heißt Komplizenschaft.
Aber es ist nie genug.
Im anderen politischen Lager tritt dieselbe Stimme geschniegelt auf. Sie trägt nun die Robe einer Richterin, führt Protokoll und hebt die Augenbraue. Hier geht es um Haltung, Sensibilität, die richtige Wortwahl im richtigen Moment. Abweichungen werden nicht ausgekostet, sondern markiert, fein säuberlich katalogisiert. „Das sagt man nicht“, fällt’s jemandem ins Wort. Oder leiser: „So meintest du das doch nicht, oder?“ Zugehörigkeit entsteht durch Zustimmung zu bestimmten Standards und durch die Bereitschaft, sich selbst zu kontrollieren. Man prüft nicht nur die anderen, sondern auch den eigenen Tonfall, den eigenen Gedanken. Als säße man in einem dauerhaften Examen. Schuld verschwindet nicht, sie wird verwaltet. Man arbeitet sie ab, man reicht sie weiter, man verfeinert ihre Kriterien. Energie, die auch ins Handeln fließen könnte, kreist um Selbstbeobachtung.
Beide Formen binden Menschen an Ordnungen, die unausgesprochen bestehen. Die eine setzt auf Bewegung durch erlaubte Überschreitung, auf das Knistern des Verbotenen im gemeinsamen Raum. Die andere erzeugt Halt durch innere Disziplin, durch die stille Ekstase des Richtigen, die sich züchtig gibt und eben darin etwas Saures hegt.
Und doch arbeitet im Hintergrund derselbe Dämon. Einmal tritt er aufs Gaspedal, einmal auf die Bremse. Er kann enthemmen oder sich an Zucht berauschen, je nachdem, wie’s verlangt wird. Es kommt nicht darauf an, welche Werte auf dem Transparent stehen. Entscheidend ist, ob die innere Stimme zur Übertretung oder Beherrschung verpflichtet. In beiden Fällen aber insistiert sie: dass es nicht genug ist! Und wir hören ihr weiter zu.
Ein Irrtum wäre zu glauben, wir müssten uns nur für das richtige Lager entscheiden, um endlich Ruhe zu haben. Als wäre die Erlösung eine Frage des Wechsels, ein Umzug mit neuem Parteibuch, neuer Tonlage, neuer Empörung. Doch die Stimme zieht mit um. Sie richtet sich häuslich ein, egal auf welcher Seite du landest. Heute hetzt sie dich zur Grenzüberschreitung, morgen zur moralischen Feinarbeit. Sie bleibt dieselbe, nur das Kostüm wechselt.
Der befreiende Schritt besteht darin, die Stimme sprechen zu lassen und ihr nicht zu folgen. Sie nicht zu bekämpfen, sondern einfach reden zu lassen wie ein Radioprogramm im Hintergrund, das man nicht ausschaltet, aber auch nicht mehr ernst nimmt.
Wir geht es mir z. B. persönlich damit? Wenn ich durch die Stadt streife und ein Fahrrad sehe, das umgefallen ist, zuckt es in mir. Heb es auf. Sofort. Es gehört sich so. Es ist doch nur ein Handgriff. Und während ich noch denke, habe ich mich schon gebückt. Es ist kein heroischer Impuls, eher eine kleine, sture Verpflichtung, die keinen Widerspruch duldet. Würde ich ihr jedes Mal nachgeben, hätte ich keinen ruhigen Momment mehr. Ich sähe nur noch schief stehende Lenker, verbogene Körbe. Die Welt verwandelte sich in eine einzige Aufforderung.
Also hebe ich manche Räder auf. Andere lasse ich liegen, um mir auch selbst zu zeigen, dass die Stimme nicht die letzte Instanz ist. Manchmal gehe ich weiter und spüre, wie es in mir redet. „Das hättest du noch machen können.“ Ja, hätte ich. Und jetzt eben nicht.
Ich denke auch an Freunde, die’s von einer Kreuzfahrt zur nächsten drängt. Kaum sind sie zurück, blättern sie schon wieder in Prospekten. Ferien forever. Der Alltag erscheint ihnen wie ein schlecht gelüfteter Raum, aus dem man fliehen muss. „Nur noch diese eine Reise“, sagen sie dann und lachen. Aber in dem Lachen liegt etwas Unnachgiebiges. Als dürfte die Bewegung nie enden, als sei Stillstand ein persönliches Versagen. Das Meer wird zur Kulisse eines inneren Befehls.
Immer wenn dieses Unerbittliche anklingt, sollte man hellhörig werden. Nicht jedes starke Gefühl ist verdächtig, nicht jeder Wunsch gleich ein Diktat. Doch wenn ein Ton mitschwingt, der keinen Aufschub duldet, kein Vielleicht oder Später, dann läuten bei mir die Alarmglocken.
Der Bann kann sich als Lust- oder Moralversprechen tarnen, als Fürsorge oder Ungebundenheit. Sein Kennzeichen ist nicht der Inhalt, sondern die Unersättlichkeit.
Er gibt keine Ruhe.
Und Selbstbestimmung beginnt dort, wo wir anfangen, uns nicht mehr in ihn fallen zu lassen. Ein Fahrrad liegen lassen lassen. Eine Reise nicht buchen. Den moralischen oder tabubrechenden Reflex einen Atemzug lang prüfen, bevor wir uns ihm überlassen.
Zwischen Rechts und Links steht kein Engel
Veröffentlicht am
