In der Sprache Aymara, die in den Andenregionen Boliviens und Perus gesprochen wird, liegt eine ungewöhnliche Zeitvorstellung vor: Die Vergangenheit wird räumlich „vor“ dem Körper verortet, während die Zukunft „hinter“ einem liegt. Diese Perspektive beruht auf der Idee, dass man nur sehen kann, was bereits geschehen ist – die Vergangenheit ist sichtbar und damit erkennbar, die Zukunft hingegen unsichtbar und unbekannt. Entsprechend zeigen Aymara-Sprecher bei Erzählungen über vergangene Ereignisse nach vorn, bei Aussagen über Zukünftiges dagegen nach hinten über die Schulter. Diese Raum-Zeit-Metapher weicht deutlich von der westlich geprägten Vorstellung ab, nach der wir der Zukunft entgegengehen und die Vergangenheit hinter uns liegt. Statt zeitlicher Abfolge steht hier die epistemologische Logik im Vordergrund: Was vor einem liegt, ist das, was man weiß. Aymara ist kein Einzelfall – auch andere Sprachen wie Lisu oder Yupno strukturieren Zeit räumlich anders, etwa entlang von Flussrichtungen oder Höhenlagen. Solche Beispiele zeigen, dass unsere Begriffe von Zeit nicht selbstverständlich sind, sondern durch Sprache, Körperorientierung und kulturellen Kontext geprägt werden.
Wenn die Vergangenheit vor uns liegt und die Zukunft im Rücken
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