Der Mensch stirbt nicht aus, weil er muss – sondern weil er will. Oder vielleicht besser: weil er nicht mehr weiß, warum er bleiben sollte.
So ungefähr ließe sich das stillschweigende Fazit von David Runcimans großem Essay Are we doomed? beschreiben, in dem er sich durch drei Bücher über die sinkende Geburtenrate, die alternde Weltbevölkerung und die politischen wie psychologischen Folgen dieser leisen, aber tiefgreifenden Umwälzung liest. Wer sich einen dramatischen Knall erwartet – eine finale Erkenntnis, ein dystopisches Bild vom letzten Menschen auf Erden – wird enttäuscht. Stattdessen: kluge Ratlosigkeit, verpackt in elegantem Understatement und sachte Ironie.
Denn das Szenario, das Runciman entfaltet, ist weit weniger spektakulär als die klassischen Weltuntergangsfantasien, aber umso unentrinnbarer. Die Bevölkerung schrumpft. Langsam, aber sicher. In Japan werden mehr Windeln für Senioren verkauft als für Babys, in Südkorea fällt die Geburtenrate ins Bodenlose, und in Kanada könnte man bald in gepflegter Einsamkeit auf das Ende der Geschichte zusteuern – zumindest was die demografische betrifft.
Dabei ist alles, was passiert, eigentlich sehr logisch. Menschen leben länger und kriegen weniger Kinder. Weniger Nachwuchs bedeutet: weniger Menschen, die die immer älteren Alten pflegen. Und weil das alles nicht gleich passiert, sondern auf zeitversetzten Zeitskalen, entgleitet die Steuerung dem politischen Handlungsraum – oder wirkt zumindest so. Wie beim Klimawandel. Auch dort: langwierige Ursachen, schwer greifbare Folgen, und eine lähmende Mischung aus Unvermeidlichkeit und Versäumnis.
Runciman ist zu klug, um einfache Antworten zu geben. Die Autoren der besprochenen Bücher – darunter Dean Spears, Michael Geruso und Paul Morland – wünschen sich mehr Kinder, und das am besten sofort. Sie verweisen auf dynamische Gesellschaften mit höherer Geburtenrate: Indonesien, wo der Islam und eine Vielzahl an Inselrealitäten den demografischen Wandel verlangsamen, oder Israel, das trotz westlicher Modernität erstaunlich fruchtbar bleibt – möglicherweise, weil der ständige Krisenmodus das Bedürfnis nach Fortpflanzung aufrecht hält. Gefahr als Aphrodisiakum der Nation, gewissermaßen.
Doch diese Beispiele lassen sich nicht einfach kopieren. „Mehr Inseln“ lässt sich schlecht politisch umsetzen, und „mehr Religion“ ist nicht nur unpraktikabel, sondern auch keine verlässliche Ursache – siehe das komplizierte Verhältnis von Frömmigkeit und Fortpflanzung im globalen Judentum. Und dann gibt es noch die unsichtbare Mauer zwischen Theorie und Alltag: Selbst wenn man die Kinder wollte – wer hat noch Zeit für sie? Oder Platz? Oder Nerven?
Denn was die demografische Wende so unaufhaltsam macht, ist nicht nur ein Mangel an Anreizen. Es ist die Konkurrenz der Möglichkeiten. Kinder sind teuer, vor allem im Hinblick auf Lebenszeit, Flexibilität und Raum. Und je größer die Auswahl an Lebensentwürfen, desto schwieriger fällt die Entscheidung für das eine irreversible: ein neues Leben.
Runciman beschreibt das nüchtern: Früher rettete man sich durch Reproduktion über das eigene Leben hinaus. Heute entscheidet man sich – oft ganz bewusst – dagegen. Nicht weil man es sich nicht leisten könnte, sondern weil die Rechnung nicht mehr aufgeht. Der Zugewinn an individueller Freiheit hat den evolutionären Imperativ überholt.
Die Ironie liegt darin, dass der Mensch genau in dem Moment zu verschwinden beginnt, in dem er am besten lebt. Sauberer, gesünder, länger. Doch je sicherer die Welt, desto weniger Lust auf Kinder. Früher zeugte man viele, weil man viele verlor. Heute verliert man kaum noch welche – und macht sich deshalb umso mehr Gedanken über jedes einzelne. Aus der Not der Quantität wurde die Tyrannei der Qualität.
Runciman bleibt nicht bei den Zahlen stehen. Er streift die ideologischen Verwerfungen, die sich aus dem Thema speisen: dass die politische Linke beim Thema Geburtenrate zögert, weil der Diskurs lange von der Rechten gekapert wurde – mit Elon Musk als feistem Propheten der Fruchtbarkeit. Dass mehr Kinder zu haben oft als konservative Haltung gilt, obwohl gerade progressive Politik die Rahmenbedingungen schaffen müsste, die Kinder möglich machen: bezahlbare Wohnungen, flexible Arbeit, geteilte Sorgeverantwortung. Doch all das erfordert Umverteilung. Von Alt zu Jung. Und das ist politisch ein Minenfeld.
Denn wer entscheidet, wie viel eine Kindheit wert ist – oder ein ruhiger Lebensabend? In alternden Demokratien, in denen ältere Menschen die Wahlkämpfe entscheiden, wird die Antwort klar sein. Es bleibt also beim Trend: Mehr Pflegeheime, weniger Kindergärten.
Und doch schleicht sich bei Runciman so etwas wie Wehmut ein. Nicht als Pathos, sondern als ein vorsichtiges Innehalten vor der eigenen Art. Es hat einmal Zeiten gegeben, da war Fortpflanzung nicht nur Notwendigkeit, sondern auch Sinn. Heute ist sie Option unter vielen. Und eine, die sich oft nicht rechnet. Die Menschheit, so könnte man sagen, hat sich ihre Auslöschung selbst herangezogen – nicht durch Krieg oder Pestilenz, sondern durch Bequemlichkeit, Bildung und das stille Grauen vor zu vielen Optionen.
Gibt es Hoffnung? Vielleicht. In der Wissenschaft, in der künstlichen Intelligenz, in der Raumfahrt. Oder auch in der Erkenntnis, dass moderne Menschen nicht nur anders leben, sondern vielleicht auch irgendwann wieder anders denken. Dass Kinder nicht Hindernisse, sondern Verbündete sein könnten. Dass ein volles Haus nicht zwangsläufig Verzicht bedeutet. Aber das sind Mutmaßungen. Und Mutmaßungen haben es schwer in einer Welt, die alles wissen will, bevor sie etwas wagt.
Am Ende bleibt Runciman nüchtern. Vielleicht sterben wir wirklich aus. Vielleicht dauert das noch zehntausend Jahre. Vielleicht auch nur drei Generationen. Aber es wird still sein. Kein Knall. Kein Ende der Welt. Sondern ein langsames Verlöschen. Ein letzter Mensch, der nicht mehr weiß, wozu. Und der vielleicht, wenn er alt genug geworden ist, auch gar nichts mehr dagegen hat.
