Es hat sich etwas verschoben in der Landschaft der Laster. Früher trank man einfach – vielleicht mit schlechtem Gewissen, aber ohne Instagram-Story. Heute genügt ein alkoholfreier Monat, und schon wird der Verzicht öffentlich gefeiert. Statt Rausch zählt nun Reichweite, statt Fahne der Podcast. Und wer nüchtern bleibt, bleibt nicht leise: Er spricht – über sich, über die anderen, über das Trinken an sich. Je weniger Alkohol fließt, desto größer scheint das Reden darüber zu werden.
Hinter diesem Phänomen steckt ein alter Gedanke, den Alexis de Tocqueville schon im 19. Jahrhundert formulierte. Er beobachtete, dass Empörung wächst, sobald die Ungerechtigkeit schwindet. Je besser die Zustände werden, desto empfindlicher reagieren wir auf ihre letzten Makel. Der Philosoph Odo Marquard nannte das später die „Penetranz der negativen Reste“: Wenn fast alles verbessert ist, fallen die letzten Kratzer umso mehr ins Gewicht.
Fortschritt hat eine Eigenart, die selten Anerkennung findet – er verschwindet aus dem Blick. Wird das Leben sicherer und gesünder, schrumpft nicht die Unzufriedenheit, sondern nur ihr Gegenstand. Der Ärger verfeinert sich: Statt Hunger stört nun das Weizenmehl, statt Lebensgefahr die unbedachte Floskel. Und seit niemand mehr in der Kneipe raucht, wirkt der E-Zigaretten-Zug plötzlich wie ein Affront.
Auch die Psychologie kennt dieses Muster. Studien zeigen: Je seltener etwas Negatives vorkommt, desto empfindlicher reagieren wir darauf. Wenn fast nur noch freundliche Gesichter zu sehen sind, erscheint ein neutraler Blick bereits kühl. Und wenn alle alkoholfreies Bier bestellen, genügt ein echtes Pils, um Unbehagen auszulösen.
So klammert sich der Alarmismus an die Lücken, die er selbst schafft. In der nüchternen Runde wird der, der trinkt, zum Symbol des Rückfalls – nicht weil er trinkt, sondern weil sonst niemand mehr trinkt. Der Maßstab verschiebt sich leise: Nicht das Verhalten verändert sich, sondern seine Bedeutung. Und am Ende sitzen wir da, mit stillem Wasser und dem Gefühl, dass selbst der harmlose Schluck Cola nicht ganz harmlos ist.
