Die Glockenrede

Meister Ianotus, auf cäsarisch beschoren, mit einem theologischen Doktortalar bekleidet, den Magen mit Ofenspeis’ und getauftem Kellerwasser wohl bestellt, begab sich zu Gargantuas Herberg; vor sich her trieb er drei Küster mit roten Riechkolben und hinter sich fünf oder sechs erzgeleerte Magister, die aus ökonomischen Gründen hübsch dreckig waren. 

An der Haustür begegnete ihnen Ponokrates, und der Schrecken fuhr ihm in die Beine, als er diese bedenklichen Individuen sah, denn er meinte, es seien vermummte Tollhäusler. Doch fasste er sich ein Herz, einen der Erzgeleerten im Zuge zu fragen, was dieser Fastnachtsbutzenaufzug solle, und erhielt zur Antwort, sie möchten die Glocken wieder haben. 

Alsbald eilte er mit der Neuigkeit zu Gargantua, damit er eine Antwort bereit halte und überlege, was zu tun sei. Gargantua nahm seinen Lehrer Ponokrates zur Seite, sowie Philotim den Haushofmeister, Gymnastes den Stallmeister und Eudemon, und ratschlagte mit ihnen, was er anstellen und erwidern solle. 

Sie kamen überein, den Glockenwerbern den Weg mit einem Faß Wein zu versperren und sie zu einem bauernmäßigen Gurgelwaschen zu verleiten. Und damit der alte Huster und Wuster sich nicht überhebe, wenn man auf seine Forderung das Geläut herausgerückt hätte, solle man, während er hinter seinem Glas sitze, nach dem Stadtvorsteher, dem Rektor der Fakultät und dem Domkurator schicken, um ihnen die Glocken auszuhändigen, noch bevor der Theologe zum Wort gekommen sei. Nachher könne man in Gegenwart der Genannten seine Ansprache hören 

So geschah’s. Nach Ankunft der Bestellten wurde der Abgesandte in den Saal geführt, er räusperte sich, hustete, spuckte und begann, wie folgt: 

„Hm, ehem, hem! Mna dies, mein Herr, mna dies. Und vobis, meine Herren. Es wäre äußerst huldvoll von euch, wenn ihr uns die Glocken wiedergäbet, denn wir ermangeln ihrer sehr. Hen, hm, haksch! Wir haben seinerzeit alle Kaufangebote von den Londonern in Lahorien und von denen zu Bordeaux in Brye ausgeschlagen, die unser Geläut wegen der substantivischen Qualität seiner elementaren Komplexion erwerben wollten, wie solche in der Terrestrität seiner quidditativen Natura intronifiziert ist, um die

Wirbelwinde und nebulose Feuchtigkeit von unseren Weinbergen zu defendieren – nicht von unseren eigenen, sondern von denen in der Umgegend. Denn: Verlieren wir das Traubenblut, verlieren wir alles, Mut und Gut. 

Wenn ihr sie auf meine Werbung herausgebt, verdiene ich mir zehn Körbe voll Wurst und ein paar neue Hosen, die meinen Schenkeln sehr genehm sein werden; andernfalls wird man mir wortbrüchig. Ho, bei Gott, domine, ein paar Hosen ist ein fein Ding, et vir sapiens non abhorrebit eum. Ha, ha, nicht jeder hat ein paar, der gerne möchte. Ich kenne das; aus Erfahrung. Denkt euch, Domine, seit achtzehn Tagen matagrambolisier’ ich an dieser schönen Allocutio. Redite quae sunt Caesaris Caesari, et quae sunt Dei Deo. Ibi jacet iepus. Da liegt der Has’ im Pfeffer. Meiner Treu, Domine, wenn ihr mit mir in camera charitatis zu Abend speisen wollt, nos faciemus bonum schmausum, potz Sapperment. Ego occidi unum swinum et ego habet bon vino. Und guter Wein red’t kein schlecht Latein. Also, de parte Dei, date nobis glockas unsras. Schaut, ich geb’ euch mit Fakultätsgenehmigung ein Exemplar der Sermones de Utino, daß utinam ihr uns die Glocken gebt. Vultis etiam ablassum? Per diem vos habebitis, et nihil zahlebitis! 

O, guter Herr! Domine, glocki dona minor nobis. Potz! est bonum urbis, ist Stadtgut! Ist zu Nutz und Frommen von jedermann. Wenn sie eurer Stute gut anstehen, unsrer Fakultät stehen sie noch besser; denn comparata est stutibus insipientibus et similis est facta eis, Psalmo ich weiß nicht wo, ich hatt’ es genau im Concepto zitiert: und es ist unum bonum Achilles. Hm, hem, ehem, haksch! Hört, ich beweis’ euch, daß ihr sie uns herausrücken müßt. Ego sic argumentor: Omnis glocka glockabilis in glockerio glockando glockans glockativo glockare facit glockabiliter glockantes. Parisius habet glockas. Ergo: gluk! Ha, ha, ha, das heiß ich gesprochen! Es steht in tertio primae im Darii, oder anderswo. Bei meiner Seel’, einst hab’ ich Zeiten gehabt, da hab’ ich den Teufel verargumentiert. Aber jetzt dusel ich nur noch so hin, und mich verlangt bloß nach einem guten Wein, einem guten Bett, einem Ofen am Buckel, vorm Bauch den Tisch und einer tiefen, vollen Schüssel drauf. Ha, Domine, ich bitt’ euch, in nomine Patris et filii et Spiritus sancti, amen, gebt uns die Glocken: Und der liebe Gott behüt’ euch vor dem Übel und unsre seligste Jungfrau verleih euch Gesundheit, qui vivit et regnat per omnia saecula saeculorum. Amen. Hm, hasch, ehm, haksch, grenhaksch. 

Verum enim vero, quando quidem, dubio procul Edepol, quoniam ita certe meus deus fidius, eine Stadt ohn’ Geläut ist wie ein Blinder ohne Stecken, ein Esel ohne Sattel, eine Kuh ohne Schelle. Wenn ihr sie nicht zurückerstattet, werden wir ewig nach euch

schreien wie ein Blinder, der seinen Stab verloren hat, nach euch brüllen wie ein Esel ohne Zaumzeug und muhen wie eine Kuh ohne Schelle. Ein quidam Latinisator, der beim Spital wohnt, sagte einmal, mit einer Allusion auf die Autorität des Taponnus, nein, des Pontanus, des weltlichen Poeten: wenn’s nach seinem Wunsch ginge, bestünden sie aus Gänsedaunen und der Schwengel wäre ein Fuchsschwanz, weil ihr Bimbam jedesmal seinen Gehirnkutteln das chronische Übel einjagte, wenn er seine karminiformen Oden dichtete. Aber nak, petetäh, petetak, tiktak, scheissack: er wurde als Häretiker verdammt; die machen wir wie aus weichem Wachs. Doch weiter meldet der Gewährsmann nichts. Valete et plaudite. Calepinus recensui.