Man könnte Kierkegaard fast für einen hellsichtigen Troll der Gegenwart halten – nur dass er 1846 schrieb und Twitter, TikTok und den Algorithmus noch nicht mal als Science-Fiction-Albtraum kannte. In Kritik der Gegenwart diagnostiziert er ein leises, aber tödliches Fieber unserer Zeit: Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Leidenschaft, sondern in jenem der Reflexion. Damals wie heute bedeutet das: Wir denken, wir wägen ab, wir vergleichen uns, wir kommentieren. Und dann – nichts. Kein Risiko, kein Sprung ins Ungewisse, nur ein weiteres gedankliches Schieben der Dinge auf den nächsten Montag.
Das Zeitalter der Leidenschaft – das war für ihn jene Epoche, in der man noch ins Handeln stürzte, auch wenn man sich dabei blutig stieß. In der man, bildlich gesprochen, eher ein Pferd sattelte, als noch drei weitere Ratgeber über Pferdepflege zu lesen. Heute dagegen ist Leidenschaft nur noch als kurz aufflackernde Empörung zu haben: ein Shitstorm, ein Hashtag, ein nervöses Herz-Emoji. Morgen schon vergessen.
Kierkegaards Medienkritik wirkt beinahe unheimlich aktuell: „Nichts passiert, aber es gibt sofort überall Öffentlichkeit.“ Jeder Furz bekommt eine Pressekonferenz, und trotzdem verändert sich nichts. Statt Tatkraft: PR-Kaskaden, Werbung, Selbstdarstellung. Reflexion als Selbstzweck, verpackt in Panels, Threads, Reaction-Videos. Geld – damals schon – als hohes, abstraktes Ziel, lange bevor wir es in „Followerzahlen“ und „Engagement-Rate“ übersetzten.
Die Gefahr? Wir enden als nivellierte Herde: alle dieselben Memes, dieselben Meinungen, dieselben Skandale. Selbst tiefste Überzeugungen – religiös, politisch, moralisch – bleiben folgenlos, wenn sie nicht in Praxis gerinnen.
Social-Media-Aktivismus ohne reales Engagement, politisches Empörtsein ohne Konsequenzen, und die stille Schuld, mehr Zeit mit Gitarrentutorials auf YouTube zu verbringen, als tatsächliche Saiten zum Klingen zu bringen.
Kierkegaards Gegenmittel: Entscheidung – dieses kleine Zauberwort, das die Existenz respektiert. Aus der komfortablen Sphäre der Möglichkeit in die unberechenbare Wirklichkeit treten. Eine Sache finden, zu der man sich leidenschaftlich bekennt – und zwar so, dass sie das Leben wirklich verändert. Reflektieren ja, aber nur als Aufwärmphase. Danach bitte: loslaufen.
