Erleuchtung wirkt nicht aus dem Verstand, sondern über diesen hinaus. Aber worin zeigt sich der Einfall, wenn nicht in der Schöpfung neuer Begriffe, also im Aus- oder Umbau des Verstandes?
Begriffe bilden Lebensform; neue Lebensformen entstehen nicht durch Denken oder Bewegungen des Verstandes, sondern durch Geistesblitz – Dichtung.
Der Zustrom neuer Lebensform liegt in der Dichtung. Die insofern immer etwas Lügenhaftes hat. Da sie, als echte Dichtung, dem Bewährten gegenübersteht, es zu entwickeln in der Lage ist.
Diese Auffassung gewinnt Form in der Vorstellung der Prädestination, die sich einen allmächtigen Grund ausmalt, der die Realität und ihren Verstand aufzurollen oder neuzumachen in der Lage ist, symbolisiert in Gottes Urteil über Kain und Abel sowie in dem Vater des Gleichnisses vom verlorenen Sohn.
Auffälligerweise stattet Gott den Gründer der Zivilisation, also vom Bürokratie und Verstand, mit dem Kainsmal aus, um ihn vor der Sabotage seines Projektes zu schützen. Das unterscheidet Gott vom Vater in dem Gleichnis, der nichts für den klugen Sohn übrig hat. Damit ergreift Jesus Partei gegen den Verstand und seine Früchte.
Blondel arbeitet die Möglichkeiten des Verstandes aus und respektiert – in gewissem Sinne – seine Leistungen, um dann weiter übernatürlichen Quellen zu markieren, die uns nicht mehr unmittelbar zur Verfügung stehen, sondern nur in Gesten oder Riten, deren Parodie dann der Verstand wird.
Ist der Verstand somit eine Voraussetzung oder Weiterung des Prädestination?
Der Unterschied ist erzähltaktisch aufschlussreich; denn nach Aristoteles, dem Orakel der Handlungsführung, sind Erzählungen immer zielgerichtet, auf die Lösung einer Spannung aus, die unsere Aufmerksamkeit hält.
Die Ziele können nun entweder besonnen sein, also die herrschende Ordnung bestätigen oder wiederherstellen (z. B. im Krimi, dem Verstandes-Genre schlechthin), oder sie hungern nach Gnade, was ein dramaturgisches Problem aufwirft. Denn Gnade kann nicht bewirkt werden, erfordert die Abdankung des Versuches, sie zu verursachen. Ohne Ursache-Wirkung aber gibt es keine Handlung.
AutorInnen wehren sich gegen die Vorstellung eines Ziels, wenn sie für ihre Anti-Helden Erlösung wünschten, damit aber das Zuschauerinteresse riskierten. Dieses Dilemma ist erzählerisch fatal, außer es wird dann trotzdem – in Erwartung Gnade – ein besonnenes Ziel verfolgt. Ähnlich kommen die ganzen Zen- und Erleuchtungslehren daher: dass man die Wirklichkeit so nehmen muss, wie sie ist, „aber anders“.
Unsere Seele will anders als der Verstand ‚erlöst‘ werden, und wem dies zuteilwurde (Wittgenstein selber wohl während des Ersten Weltkriegs), ist danach nicht mehr in der Lage, von Herzen zu zweifeln. ‚…sei erst erlöst & halte an Deiner Erlösung (halte Deine Erlösung) fest – dann wirst Du sehen, dass Du an diesem Glauben festhältst. Das kann also nur geschehen, wenn Du dich nicht mehr auf diese Erde stützt, sondern am Himmel hängst. Dann ist alles anders und es ist ‚kein Wunder‘, wenn Du dann kannst, was Du jetzt nicht kannst. (Anzusehen ist freilich der Hängende wie der Stehende aber das Kräftespiel in ihm ist ja ein ganz anderes & er kann daher ganz anderes tun als der Stehende.) Ludwig Wittgenstein
Es bleibt dabei unbefriedigend, die Position des älteren Bruders im Gleichnis von dem verlorenen Sohn abzukanzeln. Wenn der jüngere dem Bestehenden gegenübersteht, ist das letztlich doch wieder nur möglich, wenn etwas für das Bestehende dabei abfällt. Sonst würden alle zugrunde gehen. Was ja auch schon geschehen ist, wenn man sich ganz dem Jenseits anvertraut.
Interessiert der Mensch sich nur fürs Jenseits und dessen Anmut – auf Kosten notfalls des Verstandes und seiner Produkte? Wie könnte – in Reaktion auf die überufernden dystopischen Serien – eine utopische trotzdem interessant bleiben? Utopien haben etwas Einschläferndes, weil sie die potenziell zerstörerische Anmut des Jenseits ausklammern. Eine Lösung könnte sein, dass man dem Loch in der Wirklichkeit einen Raum gibt, ohne den bestehenden und sich gerierenden Rest zu vertilgen, also doch eine Form von Prädestination walten lässt. Es liegt nahe, das irgendwie zu institutionalisieren, wenn nicht der Gedanke einer Institution bereits dagegen spräche.
